Inktober 2021 – Tag 10 Zahnstocher

Inktober 2021 – Tag 10 Zahnstocher

Zahnstocher

Er kaute auf dem Zahnstocher herum. Gerade war er in der linken Seite. Ein paar Minuten später wanderte auf die rechte Seite hinüber. Er führte die Hand zum Zahnstocher. Mit Daumen und Zeigefinger drehte er den Zahnstocher ein-, zweimal, hielt inne, dann nahm er die Hand vom Zahnstocher und griff nach seinem Hut, rückte ihn zurecht und legte die Hand wieder auf die Lehne seines Stuhles.

Seine Augen verfolgten alles auf der Straße. Jeder Hund, jedes Pferd, jeder Neuankömmling wurde begutachtet. Die Augen nahmen alles auf. Mehr Bewegung gab es nicht. Ab und zu der Wechsel des Zahnstochers, das Zurechtrücken des Hutes und das war es.

Und das ging schon eine ganze Weile so.

Er hatte Geduld. Er wusste worauf er wartete. Er wusste, dass dieses Ereignis bald eintreten werde. Er wusste nicht genau wann. Aber es würde nicht mehr lange dauern. Er saß hier schon sehr lange. Der Saloon auf der gegenüberliegenden Seite öffnete seine Türen. Die ersten Gäste kamen. Der Milchlieferant kam nun zum zweiten Mal an ihm vorbei. Er war nun auf dem Rückweg. Er hatte alle seine Milchflaschen ausgeliefert und hatte nun etliche Leere auf seinem Karren. Er sah müde aus.

Die Apothekerin war vorhin zur alten Salisbury geeilt. Das war auch nichts Ungewöhnliches. Die alte Salisbury war eine Hypochonderin. Sie rief mindestens zweimal die Woche nach der Apothekerin und mindestens einmal die Woche nach dem Arzt.

Er kannte die Menschen in dieser kleinen Stadt. Er kannte ihre Abläufe. Es war nicht schwer Abweichungen zu entdecken. Sie verhielten sich wie immer.

Er wartete.

Es würde nicht mehr lange dauern.

Dann wären die alten Abläufe vorbei.

Das Dunkel kommt. Es gab keinen Ausweg. Die Menschen hier würden Schrecken unglaublichen Ausmaßes erfahren. Aber das ließ sich nicht vermeiden. Die Zeichen waren eindeutig gewesen. Es gab kein Zurück mehr. Es fehlte nur noch das letzte Zeichen. Und das würde bald kommen.

Er streckte sich. Sein Zahnstocher war bald durchgebissen. Er warf ihn auf die Straße. In seiner Westentasche hatte er einen weiteren. Den steckte er sich wieder zwischen die Lippen und beobachtete weiterhin die Hauptstraße.

Seine Waffen waren da, wo sie immer waren, an ihren Plätzen im Holster. Das Messer steckte im Stiefel. Er hätte noch mehr mitnehmen können. Aber wozu sollte das gut sein. Wenn sein Plan nicht funktionierte, war sowieso alles verloren.

Die Sonne machte sich auf den Weg hinab. Noch vier Stunden. Dann würde es dunkel werden.

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