Inktober 2021 – Tag 11 Sauer

Inktober 2021 – Tag 11 Sauer

Sauer

Herzhaft hatte sie in das Gebäckstück gebissen. Der Blätterteig zerbrach zwischen ihren Zähnen und sie schmeckte die cremige Süße des Zuckergusses. Dann kam die Zitronencreme. Und hui, die feuerte mit einer kompletten sauren Note ihr ganzes Feuerwerk an Aromen ab. Einen ganz kurzen Moment wollte sie das Gesicht verziehen. Die Säure zog alles auf diese Millisekunde zusammen. Dann brach auch die Süße der Zitrone durch und der Bissen versmischte sich zu einem Reigen an milden Geschmackserlebnissen, die immer mal wieder unterbrochen wurden von kurzen Schlaglichtern der winzig kleinen Säurekammern. Wie Microluftblasen zerplatzten diese kleinen Kammern und stoben über die Zunge.

Es war ein Erlebnis diese Plunderteilchen zu essen. Am besten war es, wenn man beim Essen die Augen schloss und sich ganz den Aromen hingab. Das Teilchen war klein, umso mehr ein Grund, jeden Bissen davon zu genießen.

Als sie die Augen wieder öffnete und sich die Finger mit dem letzten Klecks Zuckerguss ableckte, sah sie in die erstaunten Augen ihres Freundes.

„Was ist? Habe ich noch irgendwo Zuckerguss?“ Sie fuhr sich mit der Hand über ihren Mund.

Ihr Freund schüttelte weiterhin sprachlos seinen Kopf. Er hielt die Espresso-Tasse in der Hand und schien sie völlig vergessen zu haben.

„Das Teilchen war wohl gut, was?“

„Mhmmmm. Einfach göttlich!“

„Solche Geräusche machst du nie, wenn wir im Bett sind.“

Sie blickte auf. Ups. Hatte sie etwa wieder mal übertrieben? Jedes Mal, wenn sie in Italien war und diese ganzen Leckereien essen durfte, verwandelte sie sich in eine Person, die in aller Öffentlichkeit seufzte und stöhnte und dass nur, weil sie gerade eine Köstlichkeit zu sich nahm. Das hatte schon ihren Exfreund wahnsinnig gemacht. Aber die italienische Küche war einfach zu gut. Es wäre ein Verbrechen, es nicht auch durch Töne und Sprache und weitere Zustimmung auszudrücken. All die leckere Pasta und Pizza und das Eis und die kleinen Gebäckstücke und diese himmlischen Cornettos. Und dann die wunderbar einfachen Gerichte – hach, es war wirklich wie im Himmel. Sie schweifte schon wieder ab.

Ihr Freund hatte inzwischen einen beleidigten Blick aufgesetzt und winkte dem Kellner, um einen neuen Espresso zu bestellen. Seiner sei kalt.

Sie rollte mit den Augen. Vielleicht müsste sie sich doch von ihm trennen. Jemanden, der nur am Essen herummotzte, konnte sie wirklich nicht gebrauchen. Erst recht nicht in Italien. Aber sie würde ihm noch eine Chance geben. Sie waren schließlich erst seit einem Tag hier. Heute Abend würde sie ihn mit in ihre Lieblingstrattoria nehmen. Sie freute sich darauf. Marco und seine Familie hatte sie lange Zeit nicht mehr besucht. Sie würden viel zu erzählen haben. Und vielleicht hatte er seinen selbstgemachten Limoncello. Alleine bei dem Gedanken an diesen gelben Nektar, lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

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