Inktober 2021 – Tag 13 Dach

Inktober 2021 – Tag 13 Dach

Dach

Das Dach hatte Löcher. Es war Morsch. Und der Regen tropfte hindurch. Jedes Mal, wenn eine Krähe darauf landete, knirschte es lautstark. Es würde nicht noch einen sturmreichen Winter überstehen. Vielleicht würde es schon nicht den nächsten Sturm überstehen.

Das Dach gehörte zu der Scheune der Lewis-Farm. Sie war schon seit einem Jahrzehnt verlassen. Langsam bröselte sie in den Zustand eines Geisterhauses hinüber. Die Natur eroberte sich ihren Platz zurück. Zwischen den Steinen kam überall Unkraut hervor. Es streckte sich dem Licht entgegen. Das Haupthaus stand noch. Es war ein alter Steinbau und sehr solide. Die Türen waren ähnlich morsch, wie die Scheune. Die Fenster waren zum Teil eingeschlagen und das Efeu wand sich seinen Weg hinein. Man konnte dem Efeu über die Veranda und das Fenster im hinteren Teil hinein ins ehemalige Wohnzimmer folgen. Dort machte es eine kleine Schleife und wand sich um Stuhlbeine und den großen Esstisch, dann ging es weiter in den Flur und die Treppe hinauf.

Ein paar Graffiti waren an die Wände des Erdgeschosses gesprüht worden. Die Jugendlichen hatten das Haus eine kurze Zeit lang als Treffpunkt genutzt. Sie waren mit ihren Autos und Mofas gekommen und hatten sich im Wohnzimmer breit gemacht. Es war cool gewesen. Aber nur für ganz kurze Zeit. Und das nicht nur im übertragenen Sinne. Das Haus war immer kühl. Aber die Stimmung war immer mieser geworden. Die Jugendlichen hatten sich hier nicht wohl gefühlt. Die Atmosphäre spiegelte die eines Horrorfilms wider. Da halfen auch Tabak und Alkohol nicht. Irgendwann kamen sie nicht mehr. Das Efeu konnte wieder in Ruhe weiterwachsen.

Die oberen Etagen des Haupthauses waren damit noch völlig unangetastet. Genauso, wie die Lewis-Familie es hinterlassen hatte. Nie war ein Erbe aufgetaucht. Keiner hatte sich um den Besitz und das Land gekümmert. Die Scheune war bald die Heimat einer Waschbärenfamilie geworden. Aber auch das ist nun schon Jahre her.

Lebewesen, sei es Mensch oder Tier, blieben nie lange. Irgendetwas drückte auf die Stimmung. Man fühlte sich hier nicht wohl. Das Haus und die Scheune strahlten eine Nervosität aus, die Gebäude eigentlich nicht haben durften.

Vielleicht hing das mit dem mysteriösen Verschwinden der Lewis-Familie zusammen. Keiner war wirklich eng mit ihnen befreundet gewesen. Sie blieben unter sich. Meistens auf ihrer Farm. Daher konnte auch keiner ein genaues Datum nennen, seitdem die Lewis-Familie vermisst wurde. Sie waren einfach nicht mehr da. Eines Tages waren sie weg. Koffer, Kleidung, sogar die Pässe und Geld waren zurückgeblieben. Nur die Familie, die Menschen waren weg.

Die Polizei suchte nach ihnen. Aber es gab keinerlei Hinweise. Weder auf ein Verbrechen, noch auf eine freiwillige Flucht oder Abschied. Damals wunderten sich alle. Es gingen Gerüchte durch die Stadt, aber die meisten interessierten sich nicht für diese stille Familie, die man nie sah. Sie hinterließen keinerlei Erinnerungen. Nur den faden Geschmack von etwas, das nicht sein sollte.

Die Dachbalken knarzten laut. Der Wind nahm zu. Der Wetterbericht hatte Sturm angekündigt. Die Krähe saß auf dem Dach und blickt in die Ferne. Die ersten dicken Tropfen platschten auf die Erde. Sie hinterließen kleine Krater im Staub. Nach wenigen Sekunden waren diese Krater aber nicht mehr zu sehen. Das Wasser kam in Strömen aus den Wolken heraus. Die Krähe schüttelte sich, breitete dann die Schwingen aus und flog in Richtung Wald davon.

Der Regenguss verstärkte sich noch, der Wind wurde immer stärker und mit dem ersten Blitz und Donnerschlag, hörte man ein lautes Krachen im Inneren der Scheune. In der kurzen erleuchteten Sekunde des Blitzes sah man, wie die Scheune in der Mitte in sich zusammenbrach. Sie sackte zusammen. Ein lautes Stöhnen ging über die gesamte Farm und wie bei einem Dominoeffekt, krachte auch der nächste Balken herunter. Einer traf den Zaun zur Koppel und riss ihn nieder. Der Wind zerrte an der klappernden Haustür und schlug sie immer wieder auf und zu. Auch im Inneren des Haupthauses kamen Töne des Krachens und Brechens. Das war die Treppe ins Obergeschoss gewesen. Staub kam zu den zerbrochenen Fenstern hinaus.

Die Farm gab auf. Sie verabschiedete sich von ihrem ehemaligen Dasein und überließ sich nun wirklich der Natur.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: