Inktober 2021 – Tag 21 verschwommen

Inktober 2021 – Tag 21 verschwommen

Verschwommen

Am Fenster huschte jemand vorbei. Sie sah keine Person. Nur einen unscharfen Schatten. Menschengroß. Die Haare in ihrem Nacken stellten sich auf. Da draußen dürfte um diese Uhrzeit keiner mehr sein. Es war Sperrstunde. Und die gab es aus gutem Grund.

Die Fenster ließen keinen Blick nach draußen zu. Sie waren mit diesen milchigen Transparentfolien beklebt. Die man früher für Badezimmer und Fitnessstudios verwendet hat. Es konnte niemand wirklich herein- oder herausschauen. Schemen nahm man trotzdem wahr.

Der Ort, wo sie sich derzeit niedergelassen hatten, war ein ehemaliges Fitnessstudio. So sehr sie es auch mochte, dass nicht jeder hereinschauen konnte, so sehr verfluchte sie diese milchige Oberfläche zur Sperrstunde. Man sah nichts. Nicht, ob es sich um einen Feind handelte oder um einen Freund und Verbündeten. Es war zu verschwommen. Zu unscharf.

Sie versuchte das geheime Klopfzeichen an ihre Verbündeten weiterzugeben. Aber nicht jeder konnte klopfen. Manchmal war die Zeit dafür einfach nicht da.

Sie sollten sich einen anderen Unterschlupf suchen. Etwas, das strategisch besser zu überblicken war. Aber es gab nur wenige Unterkünfte, deren Tür- und Fenstersituationen noch intakt waren. Manchmal hatte man gar keine Wahl.

Heute war Vollmond. Die Straße war relativ hell. Der Schatten kam zurück. Er blieb vor dem Fitnessstudio stehen. Sie konnte ihn immer noch niemandem und nichts zuordnen. Auch die Bewegungen waren verschwommen.

Ihre Hand ging automatisch in Richtung Messer. Wenn es ein Feind war, würde ihr das nicht helfen. Wenn es ein Freund war, dann war es egal. Aber ohne Messer hier Wache zu halten, das war auch keine Option.

Der Schatten bewegte sich draußen ein paar Schritte vor, dann wieder zurück. Sie hörte die Schritte. Ein leichtes Schlurfen. Im Inneren des Gebäudes sprang der Generator an. Nur ganz leise. Sie fühlte es mehr, als dass sie es hörte. Jede Nacht, um die gleiche Uhrzeit sprang er an. Draußen war er nicht zu hören. Das hatten sie direkt als erstes ausprobiert, als sie hier eingezogen waren. Die Wintermonate waren ohne den Generator nicht zu überstehen. Es war schwierig, genügend Benzin aufzutreiben. Sie machten im Winter nichts anderes, als Benzin zu suchen.

Benzin bedeutete, dass sie heizen konnten. Benzin bedeutete, dass sie kochen konnten.

Das ging auch mit Feuer. Aber Feuer war gefährlich. Die Rauchentwicklung und alleine schon der Geruch des Feuers zog sie an wie ein Magnet. Das hatten sie im ersten Winter mühevoll lernen müssen. Sie wären beinahe alle drauf gegangen.

Der Generator musste so tief und gut abgeschottet wie es nur ging laufen. Auch die Wärmeisolierung musste sehr gut sein. Wärme, Hitze, Feuer… alles drei zog sie an wie das Licht die Mücken.

Genau aus diesem Grund blieben sie auch in den nördlichen Zonen. Die Wärme des Südens hätte sie vielleicht vor dem Erfrierungstod bewahrt, aber nicht vor den Feinden. Diese tummelten sich in den warmen Regionen. Und vermehrten sich dort rapide.

In der Ferne hörte sie einen Truck. Komisch, dass um diese Uhrzeit noch jemand draußen war. Es war Sperrstunde. Sogar die Querulanten und ewigen Besserwisser hielten sich an die Sperrstunde.

Der verschwommene Schatten erstarrte, wandte den Kopf nach rechts und links und wieder zurück. Auch er hatte den Truck gehört. Dann sprintete er los.

Sie konnte die Richtung nicht eindeutig feststellen. Sie vermutete aber, dass der Schatten in Richtung Truck rannte. Sie atmete kurz auf. Vielleicht fand der Schatten einen anderen Gegner. Vielleicht kam er in dieser Nacht nicht zurück. Vielleicht hatten sie heute Nacht Glück gehabt.

Der Truckfahrer hatte dagegen eine miese Nacht vor sich. Wenn er kein Jäger war. Was sie nicht glaubte. Kein Jäger wäre so dumm, nach der Sperrstunde raus zu gehen. Trotz Jagd und allem. Sie würde erst morgen früh wissen, wer es gewesen war. Erst morgen früh konnten sie im Truck nach der Identität seines Besitzers suchen können.

Sie spitze angestrengt die Ohren. Aber es war nichts mehr zu hören. Stille. Totenstille.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: