Inktober 2021 – Tag 22 offen

Inktober 2021 – Tag 22 offen

offen

„Das darf doch nicht wahr sein!“ Sadie hielt den Karton mit den Farbdosen in der Hand. Die Farbdosen verteilten sich gerade über den gesamten Boden des Raumes und kullerten durch die Gegend. Der Karton war unten aufgerissen und entließ seinen Inhalt in die Freiheit. Eine der Farbdosen schien auch aufgeplatzt zu sein, dem Geräusch des lauten „FLAAAATSCH“ zu urteilen.

Sadie blieb stehen und hob den Karton hoch. Ja genau. Auf dem frisch gebohnerten Parkettboden prangte nun ein riesiger Farbklecks in dem wunderschönen Hague Blue – einem dunkelblauen Farbton mit grünen Untertönen – den sie in einer langen Auswahldiskussion mit dem Verkäufer für die Türen und Fensterrahmen ausgesucht hatte. Und jetzt zerflossen ein paar Scheinchen in Form teurer Farbe auf ihrem noch teureren aufgearbeiteten Original-Parkett.

Sie ließ die Arme hängen. Das war nicht ihr Tag. Das war nicht ihre Woche. Das waren auch nicht ihr Monat und ihr Jahr. Langsam war mal gut mit ihrer Pechsträhne. Eigentlich glaubte sie nicht an diesen ganzen Aberglauben und Hokuspokus, aber inzwischen fragte sie sich schon, welchen Spiegel sie zerschlagen oder welche Gottheit sie verärgert hatte. Sie seufzte.

Dann stellte sie den kaputten Karton wieder vor die Tür, schritt mit einem großen Schritt über die feuchte Farbe und besorgte sich Küchenrolle und Putzutensilien. Diese hatte sie in weiser Voraussicht nun immer schon parat liegen. Nach dem Sahnedebakel ganz zu Anfang und dann dem Flümmchendesaster von vor zwei Wochen gehörten Besen, Wischmopp und Eimer zu ihren täglichen Utensilien. Sei es zuhause oder im Laden.

Wenn das so weiterging, würde sie ihren Laden nie eröffnen können. Das Offen/Geschlossen-Schild lag schon auf dem Counter. Wie gerne würde sie es an die Türe hängen und endlich starten. Aber vorher wollte sie noch die Tür und die Fensterläden streichen. Und die Möbel waren auch noch nicht da. Die Eröffnung musste noch ein klein wenig warten. Die Zeitungsannonce hatte sie auch noch nicht geschaltet. Es war einfach viel zu viel zu tun.

Es klopfte.

„Ihre Lieferung, Miss.“

„Ah sehr gut, ich habe schon darauf gewartet. Stellen Sie sie am besten dort in die Ecke. Und passen Sie bitte auf, dass sie dort nicht durchlaufen. Die Farbe ist noch feucht.“

„Interessante Bodengestaltung.“

„Ja, ich wollte mal was anderes.“

Der Lieferant kam mit einem sehr großen Karton zurück. Einem erschreckend großen Karton.

Der Karton war sogar größer als der Lieferant. Sadie betrachtete irritiert den Karton und merkte nicht, wie der Lieferant wieder hinausging.

Kurze Zeit später kam er mit einem weiteren riesigen Karton an.

„Moment. So viel habe ich nicht bestellt. Da kann etwas nicht stimmen.“

Der Lieferant schaute auf seine Liste.

„Sind Sie Sadie Moors?“

„Ja.“

„Dann stimmt es.“

„Aber…“

„Hören Sie, wenn mit der Bestellung etwas nicht stimmt, dann müssen Sie so oder so mit dem Kundenservice reden. Ich kann da gar nichts machen. Ich muss das nur ausliefern. Alles andere, auch Reklamationen, da kümmert sich der Kundenservice drum. Schönen Tag noch.“

Das hatte er im Schnelldurchlauf runtergerattert und war dann zur Tür hinaus. Sadie konnte gar nicht so schnell die Adresse auf den Kartons kontrollieren, wie er raus war.

Und wie sie nun feststellte: Die Adresse stimmte. Aber sie hatte bei der Firma für Papier und Verpackungen doch nur einfache Papiertüten in Din A5 Größe gekauft. Sie machte vorsichtig den Lieferschein ab, der draußen an dem Karton klebte.

Hier stand es: Material: Papiertüten, natur. Papier 80g/qm, braun gerippt, gedrehter Papierhenkel.

Sie hatte erst einmal mit 1000 Stück starten wollen. Und wenn sie sich als nützlich und stabil genug erwiesen, dann würde sie die richtige Großbestellung aufgeben. Aber das hier waren definitiv mehr als 1000 Stück. Das waren eher 10.000 Stück. Oh Gott. Hatte sie die falsche Anzahl bestellt?

Böses ahnend sprintete sie zu ihrem Computer und rief die Bestellung auf. 1000 Stück. Da stand es. Puh. Erleichtert atmete sie aus. Sie hatte nicht zu viel bestellt. Dann würde sie jetzt mit dem Kundenservice telefonieren müssen. Aber zuerst kam der Farbklecks dran. Wahrscheinlich war er nun schon etwas eingetrocknet.

Gerade als sie sich von ihrem Computer wieder abwandte, nahmen ihre Augen eine winzige kleine Zeile am unteren Bildschirmrand wahr.

Sadie hielt erstarrt inne. Drehte sich wieder um und vergrößerte die Seite. Dort stand es: Winzig klein unter dem Preis, den Versandkosten und den sonstigen Hinweisen. „Diese Papiertüten werden nur in Packeinheiten verkauft. Eine Packeinheit = 10 x 1000 Tüten.“

Sie ließ sich auf ihren Stuhl plumpsen. „Das darf doch nicht wahr sein.“

Sie hatte tatsächlich 10.000 Papiertüten gekauft. Ohne zu wissen, ob die für ihre Zwecke geeignet waren.

Vielleicht würde sie morgen doch zu dieser Wahrsagerin auf der Ecke gehen und fragen, was man gegen eine Pechsträhne machen könnte. Sie sabotierte sich inzwischen selbst. Und das war nicht gut. Sie wollte schließlich einen Laden eröffnen.

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