Inktober 2021 – Tag 24 Ausgestorben

Inktober 2021 – Tag 24 Ausgestorben

Ausgestorben

Weit und breit war kein Mensch und kein Lebewesen zu sehen. Stille. Es gab kein Geräusch. Es war wie ausgestorben.

Nur das Knistern des Laubs unter ihren eigenen Sohlen. Es war so laut wie ein Güterzug.

Es gab keine Verkehrsgeräusche, es gab kein Vogelgezwitscher, es gab noch nicht einmal das Summen eines elektrischen Geräts oder eines Sendemasts.

Erst jetzt merkte sie, wie laut die Welt zuvor gewesen war. Alles und jeder hatte Geräusche gemacht. Die Straßen und Städte waren überfüllt gewesen. Ein undefiniertes Geschnatter hatte über allem gelegen. Und das waren Menschen mit Menschen, aber auch Menschen mit elektronischen Geräten. Überall klingelte, brummte und piepte es. Diese Stille jetzt war gruselig. Es war keine Möwe zu sehen oder zu hören. Die Haustiere waren verschwunden. Ihr begegnete noch nicht mal eine der Hauskatzen, die inzwischen zu Wildkatzen geworden waren. Die waren noch lange innerhalb der Stadt geblieben. Aber die Zeit verstrich lautlos.

Sie ging durch die Stadt. Ihre Stadt. So nannte sie sie inzwischen. Warum auch nicht? Es gab niemand anderen, der Anspruch auf sie erhob. Obwohl genügend Platz gewesen wäre.

Unter dem großen Bogen blieb sie stehen und blickte über den Fluss, der unter ihr lag. Ab und zu sah sie etwas wie Bewegung auf der anderen Seite des Flusses. Sie wusste aber nie, ob sie sich das einbildete oder ob es nur ein Lichtreflex war. Sie hatte noch nicht den Mut aufgebracht, über den Fluss den anderen Teil der Stadt zu erkunden. Sie hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Auch dort drüben sah alles ausgestorben aus.

Manchmal fragte sie sich, ob das alles ein furchtbarer nie endender Alptraum war. Es war alles nicht zu erklären.

Sie war eines Tages in dieser Stille aufgewacht. Keiner war mehr da gewesen. Alle weg. Auch die Tiere. Bis auf die vereinzelten Katzen. Inzwischen eroberte die Natur die Stadt zurück. Langsam, aber sie konnte es schon sehen. Das Unkraut wucherte. Die Natur merkte, dass hier niemand mehr war. Es gab nicht mehr den Gegner Mensch, der versuchte, sie aus der Stadt zu drängen. Keines der elektrischen Geräte funktionierte noch. Strom gab es nicht mehr. Sie war ständig auf der Suche nach Batterien und anderem nützlichen mechanischem Zeug. Es war erstaunlich schwer, ohne Strom auszukommen. Aber langsam hatte sie das Gefühl, es wurde jeden Tag etwas besser.

Ihr machte der Winter Sorgen. Inzwischen war Herbst geworden. Die Blätter knirschten unter ihren Füßen. Sie musste sich Gedanken darüber machen, wie sie den Winter ohne Heizung überstehen konnte. In den alten Tagen, hätte sie das gegoogelt. Jetzt versuchte sie ohne eine Datenbank, die richtigen Bücher in der Stadtbibliothek zu finden. Schon seit einer Woche durchstöberte sie die Regale. Davor hatte es eine Woche gedauert, bis sie die elektronisch gesteuerte Tür aufbekommen hatte.

Vielleicht fand sie heute etwas Nützliches. Wenn nicht, dann musste sie langsam über einen Plan B nachdenken.

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