Inktober 2021 – Tag 25 Platsch

Inktober 2021 – Tag 25 Platsch

Platsch

Die Zeit verlangsamte sich. Er sah die Torte auf sich zukommen. Er sah, wie sie an Höhe gewann, sich minimal drehte, eine der Kirschen auf ihrem Weg verlor und immer näher auf sein Gesicht zukam. Das würde ein Volltreffer werden. Aber das war abzusehen gewesen. Der Typ, der sie warf, wollte seine Freundin beeindrucken. Die sah ihm gespannt zu und feuerte ihn lautstark an. Die meisten Torten verfehlten ihn. Die Menschen konnten einfach nicht mehr richtig zielen und werfen. Aber diese hier würde ihr Ziel erreichen. Er wappnete sich für den Aufschlag und das platschende Geräusch.

Dann wäre die Sahnetorte über seinem ganzen Gesicht verteilt und in seinen Haaren und alles würde kleben. Und dann musste er seine Schminke wieder auffrischen. Nur um dann wieder die nächste Torte abzubekommen.

Irgendwas hatte er falsch gemacht. Irgendwo in seinem Leben war er mal falsch abgebogen. Oder in einem früheren Leben hatte er richtig Mist gebaut und das Karma rächte sich nun an ihm. Wer wusste das schon?

Er war Clown. Keiner der Clowns, die in der Manege standen. Oder die Luftballons über den Jahrmarkt laufend verkauften. Nein. Er war der Clown, der als Zielscheibe für die Tortenwerfer dienen durfte. Sein Stand war sehr beliebt. Und er machte eine komische Figur. Das war gut. Das brachte Geld ein. Wenn die Leute Spaß hatten und lachten, saß das Geld lockerer.

Nur langsam wurde der Job langweilig. Er rezitierte Shakepeare Dramen im Kopf, um sich abzulenken. Immer auf die nächste Torte zu warten, war wirklich sehr langweilig. Manchmal erstaunte er die Zuschauer mit einem passenden Satz aus Shakespeares Stücken. Auch wenn dann die Torte daneben ging, gab es trotzdem Applaus.

Er war gut in seinem Job. Sehr gut sogar. So gut, dass sein Chef ihn nicht woanders einsetzen wollte. Er hätte liebend gerne mal den Popcorn-Stand bedient. Da kam man ins Gespräch mit seinen Kunden. Aber hier saß er nur und wartete auf die nächste Torte.

Als auch die Shakespeare-Zitate langweilig wurden, spielte er mit anderen Gedanken.

Einmal hatten sie ihren Jahrmarkt mitten auf dem großen Platz in der Stadt. Inmitten der großen Geschäfte und sogar einer altehrwürdigen Bank. Geld müsste man haben, seufzte er und wischte sich Sahne aus dem Auge. Dann spann er eine Geschichte in Gedanken, wie er an Geld kommen könnte. Zum Beispiel an das Geld aus dieser Bank da gegenüber. Sie blieben lange in dieser Stadt. Er hatte viel Zeit zum Beobachten. Und zwischen dem Platsch und Splash der fliegenden Torten entwickelte er einen idiotensicheren Plan. In Gedanken. Er überprüfte ihn noch eine Woche lang, jeden Tag. Ja es war möglich. Verblüfft merkte er, dass er in den letzten drei Wochen nicht einen Tag Langeweile gehabt hatte. Er spürte das Kribbeln im linken großen Zeh, wenn etwas Neues bevorstand. Das Kribbeln vor einem Abenteuer. Und als sein Plan stand, kam immer öfter die Frage auf „Was wäre wenn…?“

Was wäre wenn…?

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