Inktober 2021 – Tag 28 Knusprig

Inktober 2021 – Tag 28 Knusprig

Knusprig

„Na das ist ja so richtig schön knusprig?“ Sein Blick ging zu dem schwarz angebrannten Etwas auf dem Küchentresen. Das hatte mal ein Brathähnchen werden sollen. Vor etwa drei Stunden wäre es das auch gewesen. Mit einer hervorragenden knusprigen Kruste, die gut gewürzt war und zwischen salzig und süß schwankte. Es war das Rezept ihrer Großmutter gewesen. Es wurde nur zu besonderen Tagen gemacht. Wie etwa heute, an ihrem Geburtstag.

Aber der Tag fing schon übel an, war über währenddessen nicht besser geworden und endete im totalen Chaos. Und jetzt starrten sie auf die kokeligen Reste des Brathuhns. Die Familie war zerstritten, das Haus beinahe abgebrannt, die Vorratskammern geplündert und das allerschlimmste war, dass das Reno alles mitbekommen hatte. Sie würde ihm niemals alles erklären können. Das Brathähnchen hatte etwas Normalität in ihren ereignisreichen Alltag bringen sollen. Alle hatten sich um den Tisch versammelt und es hätte ein schöner Abend werden können. Hätte!

Wäre nicht Quebert mit der Nachricht gekommen. Dann hätte es wirklich ein schöner Abend werden können. Sie hatte alle darauf eingeschworen, normal zu sein. Keine komischen Gesprächsthemen, keine Waffen und erst recht keine Mixturen. Das war für heute alles in den Keller verbannt worden. Sie sollten die netten Nachbarn von nebenan nicht nur spielen, sondern auch sein. Sie würden sich über das Wetter aufregen, über die Nachbarn lästern und die Sportergebnisse diskutieren.

Das marodierende Vampirnest, die Seuche, die die Ghule mitgebracht hatten und das mysteriöse Verschwinden des Handschuhs des Bösen aus dem Dunkle Antiquariat sollten heute keine Themen sein. Das hatte sie sich hoch und heilig schwören lassen. Hätte sie Zeit gehabt, hätte sie es noch mit einem Fluch besiegelt. Aber das hätte mindestens zwei Tage Vorarbeit benötigt, und die hatte sie nicht. Also musste sie sich auf das Wort ihrer Familie verlassen. Das funktionierte auch erstaunlich gut. Bis zu dem Zeitpunkt, als Quebert zur Tür hineingestolpert kam. Er führte eine Staub- und Rauchwolke mit sich.

Und dann ging alles drunter und drüber. Denn Quebert wusste nicht, dass sie heute die normalen Nachbarn von nebenan spielten. Und hätte er es gewusst, hätte es ihn nicht interessiert. Es war ihm einfach egal. In Anbetracht des Chaos, dass er angestellt hatte, war das auch nicht weiter verwunderlich.

Wie sich nämlich herausstellte war das Verschwinden des Handschuhs des Bösens auf seinen Mist gewachsen. Die Übergabe auf dem Graumarkt hatte dann natürlich nicht geklappt und diverse Kämpfe und dann Flucht zur Folge. Jetzt war der Handschuh in der Hand der Vampire, die Ghule waren angepisst und Quebert mitten drin. Entgegen allen Verabredungen und Regeln, die es für einen solchen Fall gab, kam er einfach direkt zu ihnen. Und führte damit eine riesig große Brotkrumenspur von Magie und Rauch und Staub genau zu ihnen nach Hause. Es war früher Abend, die Sonne war schon untergegangen. Die Gestalten ließen nicht lange auf sich warten.

Er hatte das Gesetz des unangetasteten Heims gebrochen und ihre Wohnstätte offenbart. Und das nicht nur einer Gestalt, sondern mehreren Rudeln.

Dementsprechend bunt ging es kurz darauf in ihrem Wohnzimmer zu. Die Waffen waren im Keller, daher mussten sie alle improvisieren. Das Wohnzimmer und seine Möbel litten am meisten. Kein Stück blieb an seinem Ort. Gesplittertes Holz, verwesendes Fleisch, blutleere Körper versperrten bald den Eingang zur Küche. Das erklärte auch, warum niemand den Ofen ausschalten konnte.

Sie war damit beschäftigt Reno aus der Gefahrenzone zu bringen. Das war schwierig, denn die war überall. Ihre Familie versuchte währenddessen den Horden Herr zu werden.

Es war keine auswegslose Situation. Sie hatten schon Schlimmeres erlebt. Es war aber eine sehr sehr ärgerliche Situation. Eine Situation, die sich nicht einfach mit zu viel Alkoholgenuss erklären ließ. Als Reno im Gäste-WC eingesperrt war, schnappte sie sich den Schirm von Tante Irma und stürzte sich zurück ins Getümmel.

In Gedanken ging sie eine Ausrede nach der nächsten durch. Währenddessen kokelte das Brathähnchen vor sich hin.

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