Inktober 2021 – Tag 3 Gefäß

Inktober 2021 – Tag 3 Gefäß

Gefäß

Das Gefäß kullerte über den Asphalt. Zwischen Räder, Pferdehufe und Menschenfüße. Es kullerte immer weiter und weiter und nur wie durch ein Wunder, wurde es nicht zerstört. Schließlich wurde es auf der anderen Straßenseite vom Rinnstein aufgehalten und beendete seine wilde Reise.

Der kleine Junge beobachtete ängstlich den Weg des Gefäßes. Er durfte es nicht verlieren. Er atmete tief durch und machte sich auch auf den heiklen Weg hinüber zur anderen Seite. Er wurde fast von einer Kutsche erfasst und machte einen Purzelbaum vorwärts, um dann gleich die Beine wieder einzuziehen, weil schon der nächste Karren kam. Ihn begleiteten aufgeregte Schreie und Flüche, als er sich über die viel befahrene und belebte Hauptstraße bewegte. Sein Blick war abwechselnd auf die Hindernisse gerichtet, ging aber alle paar Sekunden wieder zu dem Gefäß.

Er durfte es nicht verlieren. Das durfte einfach nicht passieren. Er musste das Gefäß zu seiner Meisterin bringen. Sie würde toben, wenn sie erfuhr, dass er es aus Unachtsamkeit hatte fallen lassen. Und sie würde ihn umbringen, wenn es zerstört würde. Das durfte alles nicht passieren.

Mit einem letzten Hechtsprung kam er beim Rinnstein an und legte die Hände beschützend um das Gefäß. Er vergaß alles um sich herum. So hockte er mindestens eine Minute am Rinnstein und umarmte das Gefäß.

Dann wurde er von oben und hinten von einem Schwall Wasser aus seinen Gedanken gerissen. Eine Kutsche war sehr nahe an ihm vorbeigefahren und hatte die riesige Pfütze mitgenommen. Er schüttelte sich.

Er musste weiter. Das Gefäß musste endlich zu seiner Meisterin. Er wusste nicht, was in dem Gefäß drin war. Aber es musste wichtig sein. Er hatte seine Meisterin noch nie so ernst und noch nie so nervös gesehen. Vielleicht durfte er dabei sein, wenn sie das Gefäß öffnete. Seine Schritte wurden schneller. Die Aufregung stieg.

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