Inktober 2021 – Tag 31 Risiko

Inktober 2021 – Tag 31 Risiko

Risiko

Ich weiß, dass ich gewinnen werde. Ich weiß es einfach. Ich habe die ganzen letzten 72 Stunden verloren. Dieses Spiel hier kann ich gar nicht verlieren. Das spricht gegen jede mathematische Wahrscheinlichkeit, die es gibt. Ich sehe die Farbe Schwarz. Ich werde auf Schwarz setzen. Alle anderen sehen immer rot. Aber Rot ist für Anfänger. Schwarz ist es. Schwarz ist meine Gewinnerfarbe. Ich fühle es in den Fingerspitzen. Die Gewissheit. Wenn ich meine letzten Chips auf das schwarze Feld setze. Ich lasse die Finger bis zum allerletzten Moment an den Chips. Der Croupier nickt und es sind keine Spielzüge mehr möglich. Ich bin aufgeregt und gleichzeitig ruhig. Das ist DER Moment. Der Moment, auf den ich die ganze Zeit gewartet habe. Es ist der Moment, den ich schon in meinem Inneren spüre. Die Kugel dreht sich. Der Kessel wird immer schneller. Die Zahlen verschwimmen vor meinem Auge. Rot – Schwarz – Rot – Schwarz. Immer schneller, immer schneller. Und immer mehr die Gewissheit, diesmal klappt es. Diesmal gibt es keinen Verlust. Diesmal funktioniert es. Diesmal gewinnt schwarz. Atemlos schaue ich auf die weiße kleine Kugel, wie sie ihren Weg im runden Inneren verfolgt. Sie fängt an zu hüpfen und zu springen. Sie hopst ihrem Ziel entgegen. Zum schwarzen Feld. Das weiß ich genau. Ich halte den Atem an. Ich merke es noch nicht einmal. Die Kugel wird immer langsamer. Sie springt einmal, zweimal und ein drittes Mal. Ich weiß, es ist das letzte Mal. Reicht der letzte Schwung aus, um sie bis ins schwarze Feld zu tragen? Ich will schon aufschreien.

Das Licht geht aus. Der Roulettetisch das gesamte Casino sind tiefschwarz. Ich höre Schreie. Nah und fern. Die Menschen um mich herum werden nervös. Ich höre Rufe „Was ist passiert?“ und dass man das Licht doch wieder anstellen soll. Gläser klirren und werden fallen gelassen. Ich höre Geräusche von Chips, die zusammengerafft werden. Hinter mir spüre ich Unruhe.

Das ist mir alles egal. Ich bin in Starre verfallen und habe meine Augen ins Dunkel gerichtet. Ich habe mich nicht eine Sekunde bewegt. Ich starre auf den Fleck schwarz, auf dem die weiße Kugel gelandet ist. Ich sehe aber weder die Kugel noch das Feld. Ich weiß, die Kugel muss auf dem schwarzen Feld gelandet sein. Etwas anderes wäre unlogisch. Ich stehe am Rande des Tisches und meine Hände verkrampfen sich um den Mahagoni-Tischrand. Irgendwo flackert Licht auf. Gleich werde ich es wissen. Gleich werde ich meinen Gewinn sehen. Dann flackern fast gleichzeitig über den ganzen Raum verteilt die Notbeleuchtungen an. Erst zögerlich, dann gewinnen sie an Kraft. Der Croupier hat automatisch die Bank geschlossen. In einem Notfall wie einem Stromausfall fährt die Bank in den Tisch hinein und verschließt sich automatisch. Auf dem Tisch liegt der nervige schlacksige Kerl von gegenüber. Er hat den Stromausfall genutzt und wollte alle Chips einsammeln. Er war aber zu gierig und nicht schnell genug. Der Croupier blickt tadelnd auf ihn hinunter. Ich starre auf den Rouletteteller. Die weiße Kugel ist weg. Ich schaue hektisch über den ganzen Tisch. Wo ist die Kugel? Ich muss wissen, ob ich gewonnen hätte. Durch die Lautsprecher des Casinos erfolgt eine Lautsprecherdurchsage, dass man evakuiert wird. Ich reagiere nicht. Ich suche die weiße Kugel. Sie muss schließlich irgendwo sein. War sei auf dem schwarzen Feld? Ganz sicher war sie auf dem schwarzen Feld!

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