Inktober 2021 – Tag 5 Rabe

Inktober 2021 – Tag 5 Rabe

Rabe

Sie beobachtete den Raben durch das Fenster. Jeden Tag sah sie ihn. Jeden Tag kam er zu Besuch. Er sah sie nicht, aber sie ihn. Jeden Tag stöberte er auf dem Dach gegenüber nach Dingen. Manchmal puhlte er mit dem Schnabel in der Ritze zwischen Regenrinne und Dachschindeln. Dort schien ein Insektennest zu sein. Manchmal saß er auch gespannt auf dem Dachfirst und bewegte sich kaum. Er schaffte es, sich bis zu einer Stunde nicht zu bewegen. Sie hatte die Zeit gestoppt. Manchmal fand er eine Nuss und ließ sie vom Dach herunterfallen. Immer wieder bis sie aufgebrochen war. Nur ganz selten putze der Rabe sich auf der Regenrinne. Die Elstern versuchten immer wieder ihn zu verscheuchen. Aber er ließ sich nicht verscheuchen. Er saß seelenruhig auf dem Dachfirst oder auf der Regenrinne. Immer an derselben Stelle. An der Stelle, die sie gut durch das Fenster sehen konnte.

Wusste der Rabe, dass sie ihn sah? Wusste er, dass er beobachtet wurde? Der Beobachter, der selbst beobachtet wurde?

Sie konnte es nicht sagen.

Der Rabe war ihre Abwechslung des Tages, auf die sie sich freute. Sie konnte einfach nur schauen. Sie musste nicht reden, nicht antworten oder interagieren. Sie konnte einfach schauen und nichts tun. Der Rabe war zu einem Freund geworden, ohne es zu wissen. Ging das überhaupt? Konnte man Freunde haben, wenn die andere Seite das nicht wusste? Sie grübelte über diese Frage eine ganze Woche nach. Sie fand keine Antwort. Keiner wusste von dem Raben. Auch der Rabe wusste nichts von ihr. Für sie war er ein Freund. Vielleicht der einzig wahre, den sie hatte. Sie musste es niemandem sagen und auch dem Raben war sie keine Rechenschaft schuldig. Sie brauchte nicht seine Zustimmung. Es war eine wunderbar unkomplizierte Beziehung. Eine Beziehung, die eigentlich keine war. Aber genau das gefiel ihr so daran.

Der Rabe kam jeden Tag, Sommer, Herbst, Winter und Frühling. Im Frühling gab es eine blutige Auseinandersetzung mit den Amseln. Sie bekam nicht alles mit, denn einiges spielte sich auch unten im Hof ab, wo sie ein Stück nicht einsehen konnte. Das Gezeter und Mordiogeschrei der zwei kämpfenden Vögel konnte sie durch die geschlossenen Fenster hören. Am nächsten Tag aber, kam der Rabe wieder. Die Amseln sah sie länger nicht mehr. Er sah etwas zerrupft aus. Aber er behielt seine würdevolle Haltung und blieb extralange auf dem Dachfirst sitzen. Der König der Lüfte hatte sein Revier verteidigt.

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