Inktober 2021 – Tag 6 Geist

Inktober 2021 – Tag 6 Geist

Er sah die Bewegung immer erst aus den Augenwinkeln. Wenn er hinschaute, war alles normal. Kein Flattern, keine Bewegung, kein Mensch zu sehen. Besonders, wenn er sich dem Haus näherte.

Archibald war nun seit fast 40 Jahren der Gärtner des Anwesens. Er hatte viele Mitarbeiter kommen und gehen sehen. Zusammen mit William dem Butler, war er am längsten hier angestellt. Die Familie mochte ihn. Er mochte die Familie. Der Garten war sein ein und alles. Er war mit den Jahrzehnten zu einem wahren Park ausgebaut worden und es war harte Arbeit, ihn instand zu halten.

Das erste Mal gesehen hatte er Gertrud am Tag nach ihrer Beerdigung. Seitdem tauchte sie immer mal wieder auf. Richtig sehen konnte er sie nur, wenn sich etwas anbahnte. Eine Veränderung, ein Ereignis – positiv wie negativ. Es war nie eindeutig. Er wusste nur, dass etwas passieren würde. Gertrude lachte nicht und sie schaute auch nicht traurig. Es war ein neutraler Gesichtsausdruck. In ihren Augen konnte er aber manchmal das Feuer von damals erkennen. Ihre Leidenschaft, ihre Wut, aber auch ihre Liebe und ihr Mitleid. Viel häufiger, als das er sie wirklich erkennen konnte, erschien sie als Gefühl oder eben als Bewegung in den Augenwinkeln. Diese Ereignisse konnte er noch weniger deuten. Manchmal kam es Archibald so vor, als wäre Gertrude nur gerne bei ihm. Dass sie Zeit mit ihm verbringen wollte. Am Anfang hatte es ihn noch nervös gemacht. Jetzt genoss er diese Abwesenheit von Geräuschen, Personen und die Stille, die sich auf eine ganz besondere Art und Weise breit machte, wenn er ihre Existenz spürte.

Die Familie hatte getrauert und dann ihr Leben weitergelebt. Die große Matriarchin war gegangen. Es folgten neue Generationen. Sie machten ihre eigenen Fehler und Erfolge. Das hatte Gertrude schon immer betont, als sie noch lebte. Dass jede Generation das Recht hatte, ihre eigenen Fehler zu begehen. Die Menschen waren nicht dafür gemacht aus ihren Fehlern zu lernen, erst recht nicht über Jahrzehnte hinweg. Das war der einzige Streitpunkt zwischen ihr und ihrem Ehemann gewesen. Darüber hatten sie sich regemäßig in die Haare bekommen. Gertrude war dann wutentbrannt in den Garten gelaufen und hatte sich ihrem Kräuterbeet gewidmet.

Dieses Kräuterbeet gab es noch heute. Und Archibald versorgte es noch liebevoller als den Rest des Gartens. Die Pfefferminze wuchs gerade wieder über ihren Bereich hinaus. Er konnte in der nächsten Woche wieder ernten. Pfefferminztee war Gertrudes liebstes Getränk gewesen. Egal zu welcher Tages- und Nachtzeit, eine Kanne Pfefferminztee stand immer bereit.

Archibald sprach mit niemandem über diese Augenblicke der Bewegung und die Sichtungen. Er würde als verrückt abgestempelt. Und wem brachte das schon etwas? Er freute sich an den Begegnungen und dass diese ganz ihm gehörten. Er wollte sie gar nicht teilen. Also ließ er es bleiben.

Heute bewegte sich die große Rose am Rosenstock in die falsche Richtung. Sie wurde gebogen, als würde jemand daran riechen. Der Wind kam heute aber von Nordost. Er lächelte. Die Rose war eines seiner Meisterwerke. Er freute sich, dass sie Aufmerksamkeit fand. Er packte die Harke, das Messer und die kleine Schaufel wieder in seine Werkzeugkiste und drückte sich vom Boden hoch. Sein Rücken tat weh, seine Knie knackten. Er stemmte seine Hände in den Rücken und bog sich nach hinten. Er wurde langsam alt. Wie lange würde er diese Arbeit noch machen können?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: