7 Fragen an die Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Heute kommt Teil 4 der Interviewreihe mit Verlagen für Archäologie, Geschichte und Kultur. Die Fragen beantwortete diesmal Andreas Auth, der Geschäftsführer der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft  (kurz: WBG), die inzwischen eine ganze Reihe von Verlagen aus dieser Nische unter ihrem Dach versammelt. Zu der Verlagsgruppe gehören etwa die Verlage Primus, Theiss, Phillipp von Zabern und Lambert Schneider. Unter ihrem Motto Wissen verbindet bringt die WBG als Verlagsgruppe noch einmal eine andere Perspektive ins Spiel.

Die vorhergehenden 3 Interviews liste ich am Ende des Beitrages auf und sind seit Kurzem auch in der Seitenleiste verlinkt.

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1. Seit wann gibt es die Verlagsgruppe und wie ist sie entstanden?

Die Wissenschaftliche Buchgemeinschaft e.V. wurde am 12. Januar 1949 in Tübingen gegründet. Sie war aufgrund des großen Mangels an Literatur nach dem Krieg (es waren schätzungsweise 25 Millionen Bände in deutschen öffentlichen Bibliotheken zerstört worden) als eine Art “Selbsthilfeverein” ins Leben gerufen worden. Um den immensen Verlust auszugleichen, druckte man mittels einer Subskriptionsgemeinschaft Standardwerke, vor allem aus dem Bereich Geisteswissenschaften, kostengünstig nach. Gegen einen geringen Jahresbeitrag konnten die Mitglieder der Buchgemeinschaft, die entsprechenden Titel günstig erwerben.

wbg-logoIn den 50er Jahren begann man, neben dem Nachdruck auch eigene Titel zu verlegen. Die Mitgliederzahlen stiegen rasch an. 1953 wird der Firmensitz  von Tübingen nach Darmstadt verlegt. 1955 wurde aus der “Wissenschaftlichen Buchgemeinschaft” (WB) die “Wissenschaftliche Buchgesellschaft” (WBG). 1955 bekommt sie durch das Land Hessen den Status eines wirtschaftlichen Vereins (gemäß § 22 BGB) verliehen.

In den 60er Jahren wurden eine eigene Offsetdruckerei und eine eigene Buchbinderei im Verlagsgebäude eingerichtet. Das Verlagsgebäude musste erweitert werden. 1964 ist die WBG das erste Mal mit einem Stand auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Die WBG hatte inzwischen fast 60.000 Mitglieder. Die WBG hatte sich das Image eines durch Qualität überzeugenden wissenschaftlichen Verlages erworben.

Durch Kooperationen mit anderen Verlagen und weiteren Geschäftspartnern konnte das Programm in den 80er und 90er Jahren rasch ausgebaut werden, der Vertrieb über den Buchhandel wurde verstärkt. Die WBG wurde 1988 in den Börsenverein des Deutschen Buchhandels aufgenommen. In den 90er Jahren entwickelte sich die WBG mit den Tochterverlagen Primus, Theiss und dem Imprint Lambert Schneider zu einer Verlagsgruppe. Später kamen noch der Zabern Verlag und der Reprint Verlag Leipzig (als Imprint) hinzu.

2. Wo liegt der Programmschwerpunkt?

Das Gesamtprogramm setzt sich zusammen aus über 5.000 lieferbaren Titeln aus über 20 Programmbereichen:

o Altertumswissenschaften
o Archäologie
o Belletristik
o Erziehungswissenschaften
o Geowissenschaften
o Geschichte
o Kinder- und Jugendbücher
o Klassiker der Weltliteratur
o Kulturgeschichte
o Kunst- und Architektur
o Lexika und Nachschlagewerke
o Musikwissenschaft
o Naturwissenschaften, popular science
o Germanistik, Neuere Philologien
o Orientalistik und Asienwissenschaften
o Philosophie
o Politik und Soziologie
o Psychologie und Medizin
o Rechts- und Wirtschaftswissenschaften
o Theologie, Religionswissenschaften und -geschichte.

Antike_WeltÜber 80 Prozent der Titel werden von der WBG verlegt und herausgegeben. Zudem gibt es Lizenzausgaben namhafter Verlage (Hanser, Beck, Suhrkamp etc.) und darüber hinaus exklusive WBG-Editionen in hervorragender Ausstattung.

Das Buchprogramm ist aufgegliedert in 4 Programmbereiche: Studium (Einführungen und kompakte Zusammenfassungen zu einem bestimmten Thema für Studenten und andere Interessenten); Forschung (Wissenschaftsliteratur oder fundierte Fachbücher vornehmlich für Fachleute); Wissen (fundiertes Sachbuch), hierzu gehören Monographien, Biographien, Text-Bild-Bände, Lexika/Nachschlagewerke und Ausstellungskataloge sowie als 4. Bereich die Leseecke.

Deutlich wird, dass die geisteswissenschaftlichen Programmbereiche bei der WBG dominieren und die historischen Disziplinen angefangen von der Archäologie, über die Vor- und Frühgeschichte, die Alte Geschichte bis hin zur Neuzeit eine besondere Stellung im Programm haben. Verlegerisch ergänzt wird das Buchprogramm durch unsere drei Zeitschriften “Archäologie in Deutschland“, “Antike Welt” und “Blickpunkt Archäologie“.

3. Wie stehen Sie zu der digitalen Entwicklung? Ebooks, Digitalisierung, Open Access?

Die WBG steht der modernen Entwicklung der Verlagswelt sehr offen gegenüber. Erste E-Books gab es bereits seit 1999 im WBG-Programm. Seit dem wird das E-Book-Programm kontinuierlich erweitert und beläuft sich auf derzeit über 1.000 lieferbare Titel. Grundsätzlich werden, wenn rechtlich möglich, alle neuen WBG-Print-Titel auch als elektronische Ausgaben angelegt, um sie zur gegebenen Zeit auch als E-Book anbieten zu können. Unabhängig von der Verpackung der Inhalte ist es uns besonders wichtig, dass diese Informationen möglichst weit verbreitet werden. Auf welche Weise die Inhalte rezipiert werden, hängt von den Nutzern oder anders gesagt, von den Käufern unserer Bücher ab, die bei allen Überlegungen im Zentrum stehen.

Dem Thema Open Access steht die WBG – so wie fast alle Verlage – offen gegenüber. Auch wenn sich das traditionelle Publizieren sehr bewährt hat, bei dem in der Regel der Verlag prüft, ob es ein Interesse an der Publikation gibt, dann in Vorlage tritt und durch den Verkauf der Publikationen die Kosten wieder einspielt. Bei allen derzeitigen und zukünftigen Geschäftsmodellen, muss sichergesellt werden, dass die tatsächlichen Kosten für Herstellung, Werbung und Vertrieb einer Publikation auch gedeckt werden. Andernfalls macht es keinen Sinn, derartige Publikationen herauszugeben. Sinnvoller scheint es mir in der Regel auch zu sein, dass private Unternehmen, die im Wettbewerb zueinander stehen, diese Leistungen erbringen, als der Staat, da dafür letztendlich der Steuerzahler aufkommen muss.

4. Wie finden Sie Autoren bzw. wie entstehen neue Buchprojekte bei Ihnen?

In der Regel werden Buchprojekte in unserem Lektorat entwickelt und jeweils passende Autoren vornehmlich aus dem wissenschaftlichen Umfeld dafür akquiriert. Die Kontakte entstehen auf Tagungen und Messen, auf Empfehlung und direkte Anfrage von unserer Seite. Insgesamt haben wir dazu – wie andere Verlage auch – ein gut entwickeltes Netzwerk.

Einige Autoren kommen mit ihrem Manuskript von sich aus auf die WBG zu, um ihre Werke bei der WBG zu veröffentlichen. Darunter sind auch langjährige Mitglieder der WBG, die durch ihre Publikation zu WBG-Autoren werden.

Projektideen entstehen bei der täglichen Lektoratsarbeit, in Gesprächen mit Autoren, Wissenschaftlern und durch Zuschriften.

Weiterhin haben wir ein institutionalisiertes Vorschlagswesen für unsere Mitglieder. Hierüber erreichen uns regelmäßig interessante Projektvorschläge, aber auch Vorschläge für den Nachdruck interessanter, jedoch nicht mehr lieferbarer Werke. Viele dieser Vorschläge sind sehr qualifiziert und können umgesetzt werden, was zu einer besonderen Vereinsbindung führt.

5. Gibt es etwas, dass Sie im letzten Jahr in der Buchbranche besonders begeistert oder auch erschreckt hat?

Erschreckt ist vielleicht etwas übertrieben, aber überrascht hat mich schon, dass große, renommierte Traditionsunternehmen unserer Branche, wie zum Beispiel Weltbild Insolvenz anmelden mussten oder der Buchclub Bertelsmann mittelfristig schließen wird.

Dankbar bin ich, dass das Geschäftsgebaren von Amazon in der Öffentlichkeit zunehmend konstruktiv kritisch gesehen wird. Wie wird mit Mitarbeitern und Geschäftspartnern umgegangen? Werden und wenn ja, wo und zu welchen Steuersätzen Gewinne versteuert? Wie nutzt Amazon und andere Bigplayer unsere Kauf- und Bewegungs- und Nutzungsdaten, die wir im Internet hinterlassen? Was hat es für Auswirkungen auf Städte und Ortschaften, wenn in großem Umfang im Internet eingekauft wird? Derartige Fragen können zu einem Umdenken führen und unterstützen Initiativen wie zum Beispiel Buy Local. Auch der Tolino-Reader, der als offenes System in Konkurrenz zu Amazons Kindle am Markt eingeführt wurde, ist hier ein gutes Beispiel.

6. Was wünschen Sie sich für die Zukunft für den Bereich der Archäologie-, Geschichts- und Kunstverlage?

Myanmar-Das-goldene-Land_673340Vor allem, dass das Interesse an diesen spannenden Themen nicht nachlässt! Dank dem Interesse der Öffentlichkeit und der Leser, werden jedes Jahr eine Vielzahl wichtiger Publikationen – seien es Sach-, Fach- oder Wissenschaftsbücher bzw. Zeitschriften – verlegt und verkauft. Diese Bücher informieren über wichtige Sachverhalte der Vergangenheit, deren Verständnis es uns heute erleichtert oder sogar erst möglich macht, die Zukunft zu meistern. Wenn das Interesse weiterhin vorhanden ist und die Rahmenbedingungen für Verlage so sind, dass die Kosten der Herausgabe gedeckt werden können, schaue ich optimistisch in die Zukunft!

7. Was kam gerade druckfrisch aus Ihrer Druckerei?

– Joachim Whaley, Das Heilige Römische Reich deutscher Nation 

– Castro/Noack, Myanmar, Das goldene Land – ein wunderschöner Ausstellungsbegleitband zur einer großartigen Ausstellung in Stuttgart

– Richard Riess, Freundschaft  – ein sowohl haptisch wie auch inhaltlich wunderbares Buch, dessen Lektüre ich jedem nur ans Herz legen kann.

Wissenschaftliche Buchgesellschaft:

Website: http://www.wbg-wissenverbindet.de

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Primus Verlag

Website: http://www.primusverlag.de/

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Twitter: @PrimusVerlag

Theiss Verlag

Website: http://www.theiss.de/

Twitter:  @Theiss_Verlag

Philipp von Zabern

Website: http://www.zabern.de/home/

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Website Antike Welt: http://www.antikewelt.de/

Lambert Schneider

Website: http://www.lambert-schneider-verlag.de/

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Hier sind weitere Teile der Interviewreihe:

7 Fragen an Librum Publishers

7 Fragen an den BAG- und Bärenfelser Verlag

7 Fragen an den Nünnerich-Asmus Verlag



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