Gelesen: Peter Nadig, Hatschepsut

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Die alten Ägypter hatten ein sehr striktes Verwaltungs- und Organisationssystem. Von der Zuteilung der Getreideportionen an die Sklaven bis hin zu der richtigen Anrede des Königs. Namen, Titel, Verhaltensweisen, kultische Gebräuche und Traditionen – alles war eindeutig vorgegeben und seit Jahrhunderten wurde es eingehalten. Im 15. Jahrhundert v. Chr. bekam Thutmosis I., der damalige ägyptische König, ein Kind, das dieses klare System durcheinander bringen sollte. Die Rede ist von Hatschepsut, der Tochter eines Königs, die selbst Königin wird.

Doch beginnen wir am Anfang. Hatschepsut wurde etwa um 1495 v. Chr. geboren, sie hatte als Tochter eines ägyptischen Königs bereits eine hohe Stellung am Hof. Sie wurde aber auch als zukünftige Königsgemahlin erzogen. Sie heiratete Thutmosis II., der früh starb. Der nächste Thronfolger ist ihr Neffe Thutmosis III., der jedoch noch zu jung ist um die Regierungsgeschäfte aufzunehmen. An seiner statt übernimmt sie stellvertretend die Herrschaft und wird somit zur Koregentin von Ägypten. Ähnliche Fälle, in denen Mütter die Herrschaft so lange ausführen bis der Thronfolger volljährig ist, waren Ausnahmefälle. Es hatte sie in der ägyptischen Geschichte aber bereits gegeben: Merneith aus der 1. Dynastie beispielsweise, oder auch Chentkaus I. aus der 5. Dynastie. Aber es handelte sich um stellvertretende Regentschaften und die Frauen wurden mit “Mutter des Königs” betitelt. Sie übten nicht die Alleinherrschaft aus oder hatten den Titel “König”. Richtige weibliche Könige, die sich heute noch nachweisen lassen, gab es im Grunde genommen nur drei. In der fast dreitausendjährigen ägyptischen Geschichte bis zu den Ptolemäern (ab dem 4. Jh. v. Chr.) gab es neben Hatschepsut noch Neferusobek (1799-1795) und Tausret (1188-1186) als weibliche Könige (S. 42-44).

Hierbei muss man wissen, dass der Königstitel und der Inhaber von diesem grundsätzlich männlich war. Die Ägypter hatten noch nicht einmal die weibliche Form des Begriffes “Königs”. Der Titel war männlich, das Bild des Königs – in den Köpfen der Menschen, in den Darstellungen und in den jahrhundertealten Traditionen – war männlich. Und nun kommt Hatschepsut – eine Frau – und lässt sich zum ägyptischen König krönen. Das Dilemma, in das der Hof und das Volk kamen, kann man sich nun denken. Sie brach zum einen mit einer Tradition, zum anderen aber auch mit einer festen allumfassenden Vorstellung. Sie regierte fast zwei Jahrzehnte lang (1479-1457 v. Chr.). Wie hat sie das eigentlich geschafft?

Antworten darauf gibt Peter Nadig in seinem neuen Buch “Hatschepsut”. Es ist eine Biografie entlang der wenigen erhalten Quellen. Er zeigt, welche Quellen es gibt und welche Möglichkeiten zur Interpretation vorhanden sind. Als Quellen dienen zum einen ihre Bauten, Inschriften und Reliefbilder. Die meist genutzten Quellen sind die Texte. Und zwar die Texte, die in Form von Hieroglyphen an den Tempeln, Bauten und Gräbern der behandelten Personen angebracht worden sind. Es gibt nur wenige Bauten, die sich aus der Zeit von Hatschepsut erhalten haben. Hauptquelle hierbei ist vor allem ihr Tempel in Deir el-Bahari am Westufer des Nils in Theben, der auch Djeser djeseru (Heiligtum der Heiligtümer) genannt wird. In diesem Tempel gibt es eine Reihe von Inschriften und Reliefbildern, die Anhaltspunkte zum Leben von Hatschepsut bieten. Jedoch wurden viele ihrer Bauten, ihrer Darstellungen und ihrer Namen verändert, überarbeitet und ausgelöscht. Nach ihrem Tod verfiel sie der damnatio memoriae.

Nadig präsentiert auch, welche falschen oder abwegigen Interpretationen im Laufe der Jahre gemacht worden sind. Je weniger Quellenmaterial vorhanden ist, desto größer ist der Wunsch die Person und das Privatleben der Königin zu erfassen. Desto schwieriger ist dies aber auch. Und der Raum für Vermutungen ist immer weit. Dieses Problem beschränkt sich nicht speziell auf die Forschungen von Hatschepsut, sondern ist in jedem Forschungsgebiet zu finden. Es ist dagegen erfreulich, wenn das Material transparent vorgelegt wird und die Möglichkeiten der Interpretation nüchtern und klar betrachtet werden. Deutlich wird vor allem auch, dass die heute noch überlieferten Quellen eigentlich kein Bild der privaten Hatschepsut zeichnen, sie zeigen aber deutlich, wie Hatschepsut sich vor ihrem Land und ihrem Volk repräsentierte. Spekulationen über eventuelle Beziehungen bleiben eben nur Spekulationen.

Der Aufbau des Buches ist klar strukturiert: Nadig beginnt mit der Erzählung des Mythos der göttlichen Geburt (15-36). Einem Reliefzyklus, der mit zwei weiteren Teilen (2. der Geschichte von Hatschepsuts Jugend und Krönung und 3. der Expedition zum Weihrauchland Punt) in der Säulenhalle des mittleren Hofes ihres Tempels in Deir el- Bahari präsentiert ist und der grundlegende Stationen im Leben der Hatschepsut zeigt. Nach der Beschreibung dieser zwar ausführlichen aber auch wichtigen Darstellung, gibt Nadig eine Einführung in das Land und das ägyptisches Königtum zu dieser Zeit. Es folgen die Erläuterung der Vorfahren und Vorgänger von Hatschepsut, um sie in ihre Zeit einzubetten (37-66). Danach werden die Stationen im Leben der Hatschepsut vorgestellt und – ganz wichtig – Personen aus ihrem Umfeld (67-158).  Nachdem vor allem die Reliefbilder und Inschriften bisher herangezogen wurden, werden in einem abschließenden Kapitel noch ihre Bauten und Architekturprogramme präsentiert (159-172). Am Ende des Buches findet sich standardmäßig der Anmerkungsapparat, die Bibliographie und die Register.

Ägyptologie, wie auch Archäologie oder Kunstgeschichte, ist eine Bildwissenschaft und kommt eigentlich nicht ohne Bilder aus. Das weiß der Autor, das weiß der Verlag, das weiß der Leser. Und damit wäre ich auch bei meinem einzigen kleinen Manko bei diesem Buch. Der Text und der Inhalt haben mir sehr gut gefallen, es ließ sich flüssig lesen und war sehr informativ, die Bilder hingegen waren ein wenig enttäuschend. Es waren nur wenige Bilder abgedruckt. Es sind insgesamt nur 32 Abbildungen, noch dazu in schwarz-weiß. Das muss nicht unweigerlich schlecht sein, aber hier vermisste ich ein wenig mehr Kontrast oder auch eine Umzeichnung der Hieroglyphen und Reliefbilder daneben, zum besseren Verständnis der Darstellung. Auch eine zusätzliche Karte oder Grundriss wären sehr nett gewesen. Oft sind die Bilder einige Seiten später, als im Text vorgesehen ist, abgebildet. Noch bedauerlicher sind allerdings die fehlenden Abbildungsverweise im Text.

Diese Bildproblematiken sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein wirklich gut recherchiertes Buch ist und dass Peter Nadig diese außergewöhnliche Herrschergestalt der Hatschepsut eindrucksvoll in ihrer ganzen Ambivalenz präsentiert.

Peter Nadig, Hatschepsut, Philipp von Zabern 2014, 208 Seiten, ISBN 978-3-8053-4763-1.

 



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