Adventskalender 3.12.2017

Früher kaufte ich mir alle meine Bücher. Bis irgendwann die Situation in den Regalen und allen weiteren verfügbaren „Ablageplätzen“ in der Wohnung auf eine Art und Weise bedenklich wurde, bei der man von artgerechter Bücherhaltung nichtmehr sprechen konnte. Ich beschloss, doch mal wieder einen Blick in die Stadtbibliothek zu werfen. Seither bin ich passionierte Stadtbibliotheksnutzerin. (Jaja, klar, manchmal kaufe ich auch noch Bücher)

So wie andere Leute einen Shoppingbummel machen, mache ich Stadtbibliotheks-Stöber-Ausflüge, die eigentlich nie unter einer Stunde (meist eher 2) und nie unter 5 Büchern enden…

Nun muss ich gestehen, dass ich dabei einen kleinen „Tick“ entwickelt habe: ich habe den Grundsatz, dass ich bei jedem meiner Stöber-Besuche mindestens ein Buch von diesem immer bunt gemischten „heute zurückgegeben“-Tisch mitnehme, und zwar eines, von dem ich vorher noch nie gehört habe und bei dem ich – wenn möglich – auch den Autor bisher nicht kenne oder zumindest noch nichts von ihr/ihm gelesen habe. Einziges Auswahlkriterium: „fällt mir gerade irgendwie speziell ins Auge und spricht mich in genau diesem Moment an“.

Ich weiß, es ist eine Macke. Die mir aber schon einige nette Funde beschert hat.

Manchmal allerdings ist der Rückgabe-Tisch einfach doch zu unergiebig – auf meinen „Griff zum Unbekannten“ möchte ich aber trotzdem nicht verzichten und verlege ihn dann rüber zu den normalen Bücherregalen.

Johan Theorin, Öland

Johan Theorin, Öland, Piper.
Johan Theorin, Öland, Piper.

Und genau so landete beim Vorweihnachts-Bibliotheks-Stöbern 2016 „Öland“ von Johan Theorin in meiner Tasche.

Öland ist eine Insel vor der Süd-Ost-Küste Schwedens, von der ich noch nie gehört hatte.

Grasland, Kaarst, Steppe und uralte Hügelgräber, nur einzelne Häuser, eine weite einsame Hochebene, dichter Nebel und Kälte. Lange ist keinem Autor mehr gelungen, mich so vollständig in die Atmosphäre eines Ortes zu versetzen, als hätte er die Leserin selbst auf die Insel gelockt. Und irgendwie hat er das tatsächlich. Während ich große Teile des Buches um den Jahreswechsel 2016/17 gemütlich in einem Sessel vorm Kaminfeuer gelesen habe, steckte ich gefühlt ständig fröstelnd zwischen Nebelschwaden und feuchtem kargen Gras, nur ein paar Meter Sicht, allein mit seltsamen Schatten und vereinzelten Geräuschen oder vor kleinen Hütten im Gespräch mit verschlossenen misstrauischen Inselbewohnern.

Johan Theorins erstes Buch aus der Öland-Reihe ist ein faszinierend gewobener Krimi den der Autor mit dem feinen Hauch einer altmodischen Gespenstergeschichte überzogen hat. Ein Kind klettert über eine Grundstücksmauer, läuft über die Hochebene von Öland und verschwindet spurlos. Als hätte der Nebel es verschluckt. Oder, so die Gerüchte unter den Inselbewohnern, als habe Nils Kant, das schwarze Schaf der Insel, der als Unhold Verschriene, den kleinen Jungen geholt. Doch Nils Kant ist zum Zeitpunkt des Verschwindens seit Jahren tot und begraben. Ist er wiedergekommen um sein Unwesen auf Öland zu treiben?

20 Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden erhält Julia Davidsson, die Mutter des Jungen, einen Anruf von ihrem Vater: Komm zu mir nach Öland, man hat mir die Sandale deines Sohnes, meines Enkels, in einem anonymen Paket zugeschickt.

So beginnt, was sich auf zwei Zeitebenen zu einem spannenden Kriminalfall spinnt, der alsbald auch Opfer in der Gegenwart fordert. Und während die Leserin auf dessen Lösung regelrecht fiebert, während sie die Hauptfiguren beim Verfolgen subtiler Spuren und Hinweise begleitet und sich ein Bild von den eigenwilligen Personen auf der Insel macht, überläuft sie gelegentlich ein ganz ganz sanftes Gruseln, bis sich schließlich die Fäden entwirren und die Lösung vor uns liegt. Und diese hat – zum Glück – so viel sei gesagt, nichts Esoterisches und keine Mystery-Elemente (das hätte mich auch sehr geärgert). Es ist eben doch ein Kriminalroman.

Ich mag Kriminalromane und lese recht viele. Damit es aber einer zum Buchtipp schafft, muss er noch dieses kleine bisschen „mehr“ haben als „nur“ einen guten Krimi-Plot. Das ist bei „Öland“ neben der atmosphärischen Dichte, die mich sofort gepackt hat, die Sprache.

Johan Theorins „Öland“ ist ein langsames Buch, und das ist als Kompliment gemeint. Es gibt Bücher, die sind langatmig (man könnte auch langweilig sagen) und solche, bei denen fühlt man sich von der Sprache regelrecht gehetzt, und dann wieder welche, bei denen ist die Sprache so simpel und normal, dass man stellenweise einfach „schnell drüberliest“. Nichts von dem gilt für „Öland“. Die Sprache von „Öland“ hat etwas von einem Spaziergang, man möchte nicht hetzen, man möchte jedes Wort und jeden Satz lesen. Und wie bei diesen Kinderbüchern, bei denen sich beim Aufblättern der Seiten so eine dreidimensionale Szene aus Pappe „ausklappt“, entfalten sich bei „Öland“ in der Sprache sowohl der Fall als auch die Insellandschaft und ihre Bewohner, so als ob in jedem der Sätze ein Stückchen davon steckt.

Alexandra Käss

 

// Johan Theorin, Öland, Piper 2009, ISBN: 978-3-492-25368-0, 448 Seiten.

 



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