Agatha Christie – Mord im Pfarrhaus

Es ist schon länger her, das ich das Buch beendet habe. Mitte April! Es war eine fantastische Lektüre. Ich hatte mir den ersten Miss Marple-Roman so völlig anders vorgestellt.

Agatha Christie, Mord im Pfarrhaus
Agatha Christie, Mord im Pfarrhaus

Bisher hatte ich folgendes Bild von Miss Marple: Eine kleine neugierige alte Dame, die sich in alle Dinge einmischt. Ein wenig nervtötend, besserwisserisch, graue Haare, immer schwarz angezogen und einen kleinen Hut tragend. Wie jede andere ältere englische Dame, nur eben ermittelnd. Ich hatte bisher keinen Miss Marple Krimi gelesen; Hercule Poirot schon, aber Miss Marple? Nein. Ich kenne ein paar Ausschnitte aus den alten Schwarzweiß-Filmen, aber ich habe nie einen komplett gesehen. Daher hat mich „Mord im Pfarrhaus“ wohl auch so begeistert. Miss Marple ist alles dies, aber noch so viel mehr. Es war großartig. Sie ist neugierig, aber auch schmunzelnd, ironisch und mit allen Wassern gewaschen. Ich freue mich auf die anderen Krimis mit ihr.

Ausgerechnet im Pfarrhaus wird der ungeliebteste Mensch im ganzen Dorf umgebracht. Und ausgerechnet der Pfarrer hat erst am Tag vorher noch im Scherz eine Morddrohung ausgesprochen. Das passt ja wunderbar. Das ganze Dorf ist aufgebracht und alle sind ungemein neugierig. Ganz vorne dabei Mrs Marple. Es gibt ein paar Verdächtige und die große Auflösung am Ende ist natürlich ganz wunderbar. Die Charaktere sind wunderbar getroffen. Das Besondere ist, die Geschichte wird durch den Pfarrer erzählt und nicht durch Miss Marple. Es bringt nochmal eine ganz andere Sichtweise mit sich.

Vieles erscheint vielleicht leicht überzogen und übertrieben. Das Geläster und die Neugierede der Dorfbewohner zum Beispiel, aber es ist realistisch getroffen. In einem kleinen Dorf, bevor es das Internet und andere Ablenkungen gab, ist die Gerüchteküche nun mal die einzige Ablenkung. Dass diese so unglaublich aktiv ist, wundert mich nicht im Geringsten. Jeder, der schon mal in einem Dorf gelebt hat, weiß, dass es selbst heute in den multimedialen Zeiten der Dauerablenkung das schönste und aufregendste ist, etwas über die Nachbarn oder einen entfernten Bekannten aus dem Dorf zu hören, was man noch nicht wusste. So nervig das auch ist, wenn man selbst betroffen ist, so unvermeidbar ist es aber auch. Christie hat dies ganz wunderbar eingefangen.

Die Tochter des ermordeten Colonel Protheroe erinnerte mich ganz extrem an die Frauen aus Evelyn Waughs „Vile Bodies“. Genauso lethargisch, manipulierend und verantwortungslos. Solche Frauen machen mich im echten Leben ganz wahnsinnig, als Romanfiguren sind sie aber herrlich, da sie grundsätzlich Probleme bedeuten.

Doch zurück zum Kriminalfall: Der Mord ist geschehen, die Protagonisten ermitteln. Das ganze Dorf schaut zu und mischt sich ein. Eine hervorragende Mischung für eine kurzweilige Lektüre. Es gibt einige interessante Nebendarsteller, von denen ich hoffe, dass sie in den anderen Miss-Marple-Krimis noch einmal eine Rolle spielen werden (der Neffe von Miss Marple, der Polizeikommissar, die Ehefrau des Pfarrers uvm.).

 

// Agatha Christie, Mord im Pfarrhaus, Fischer Taschen Bibliothek, 1930 (2012).



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