Fang Fang, Wuhan Diary

Fang Fang, Wuhan Diary
Fang Fang, Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt. Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe 2020, 352 S., ISBN 9783455010398.
Fang Fang, Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt. Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe 2020, 352 S., ISBN 9783455010398.

Der erste Lockdown im März war sicherlich für alle total merkwürdig. Vieles war ungewiss, keiner wusste wie er damit umgehen sollte und auch jetzt im zweiten Lockdown in diesem Jahr, spielt das Ungewisse wieder eine Hauptrolle. Allerdings haben wir uns zum Teil auch schon wieder an das veränderte Leben gewöhnt. Das zu Hause bleiben, das Masken tragen in der Öffentlichkeit und die Herausforderungen des Home-Office. Der zweite Lockdown kommt nicht ganz so unvorbereitet und überraschend wie der erste. Schön ist er dadurch natürlich noch lange nicht.

Und trotzdem gibt es auch weiterhin viele Menschen, die nicht damit umgehen können oder die sich albern und verantwortungslos benehmen. Ich verstehe es nicht.

Nach dem ersten Lockdown erschien Fang Fangs „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ auf meinem Bücherradar. Trotz aller Umgewöhnung und auch schwierigen Zeit, muss ich sagen, ging es uns in Deutschland noch gut. Damals. Wie die zweite Welle nun verlaufen wird, wir werden es sehen. In China wurde die Stadt Wuhan komplett abgeriegelt und unter Hausarrest gestellt. Fang Fang ist Schriftstellerin und wohnt und arbeitet in Wuhan. Sie hat diese 76 Tage der Sperrung in einem Online-Tagebuch festgehalten. Sie protokollierte ihre Zeit in ihrer Wohnung und versuchte durch Freunde, Familie, Bekannte über das Internet nicht nur sich selbst auf dem Laufenden zu halten, sondern auch die Stimme der Vernunft nach außen zu sein. Ihr Veröffentlichungskanal war ihr Blog.

Sie wollte diese unglaubliche Zeit dokumentieren, sie wollte aber auch Fragen stellen, die sonst keiner stellt. Und immer wieder schaut sie sich die aktuellen Zahlen an. Wie viele das Corona-Virus dahingerafft hat, wie viele sich neu infiziert haben und was die Regierung dagegen unternimmt. Es ist ein unglaubliches Zeitdokument. Und wenn man bedenkt, dass sie immer wieder dagegen anzukämpfen hat, dass ihre Blogbeiträge gelöscht werden. Dass ihre Beiträge zensiert werden und sie verzweifelt versucht, auf anderen Wegen, ihre Texte online zu stellen, ist es ein Wunder, dass bereits in diesem Jahr du so kurz nach der Sperrung von Wuhan eine deutsche Übersetzung ihrer Texte vorliegt.

Dieses Buch musste ich einfach lesen! Und es hat mir einerseits nochmal die Augen darüber geöffnet, wie gut wir selbst hier in Deutschland dran waren und andererseits aber auch, wie gefährlich dieses Virus wirklich ist. Was es mit den Menschen nicht nur in physischer Sicht anstellt, sondern auch auf die Dauer mit der Psyche.

Natürlich sind die Einträge zum Teil wiederholend. Die Fassungslosigkeit über die eigene Regierung und ihr Nichtstun durchzieht Fang Fangs Beiträge immer wieder. Diese unsichtbare Angst, die das Virus verbreitet, durchwabert ebenso das gesamte Buch. Aber es ist kein Roman und auch kein Theaterstück. Es ist ein Tagebuch aus einer Zeit, die wir in diesem Moment selbst miterleben. Es ist real. Und es wirkt authentisch.

Fang Fang, Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt, Hoffmann und Campe 2020.
Fang Fang, Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt, Hoffmann und Campe 2020.

Fang Fang versucht immer wieder Fakten darzulegen. Ihre Quellen sind dabei meist eine Wiedergabe von Gesprächen mit Bekannten aus dem medizinischen und akademischen Umfeld. Den offiziellen Nachrichtenmedien traut sie nicht immer. Sie verbreiten entweder Falschnachrichten oder gar keine. Fang Fang versucht durch die Gespräche mit anderen herauszufiltern, wie es wirklich an der Front aussieht. Es ist eine mühsame Arbeit. Und ich kann sie nur dafür bewundern, dass sie tatsächlich daran geblieben ist. Dass sie trotz der ganzen Hasskommentare und wirklich erschreckenden Aktionen gegen ihren Blog und ihre Person weitergemacht hat. Auf der Suche nach der Wahrheit.

Im ersten Lockdown habe ich persönlich versucht, die Medien bis auf einmal pro Tag zu meiden. Denn es war Nonstop „Corona“-Time. Das war zu viel für mich. Eine wohldosierte Menge war ok und selbst die war manchmal hart zu verdauen. Fang Fang und ihr Blog, das war eine Vollzeitbeschäftigung. Also großen Respekt für diese Frau!

Was mich noch beeindruckt hat, ist, dass es in Fang Fangs Texten immer um die Menschlichkeit und die Menschen geht. Sie versucht die unterschiedlichen Handlungen von beiden oder auch mehreren Seiten darzustellen, warum wer aus welchen Gründen gehandelt hat. Sie versucht dabei aber das wichtigste nicht aus den Augen zu verlieren: die Menschen an sich. Der Virus macht keinen Halt vor Arm oder Reich, Jung oder Alt, er betrifft alle Menschen. Manchmal schreibt sie sich in eine fassungslose aufgebrachte Stimmung hinein und man hat das Gefühl, dass sie nicht nur einen Menschen, sondern viele einfach zur Vernunft schütteln will. Dann wiederum versucht sie es mit ganz sachlichen Schilderungen. Die Verzweiflung, die Angst und manchmal auch die Resignation liest man in ihren Texten immer wieder deutlich heraus.

Und auch wenn dieses Buch ein Tagebuch der gesperrten Stadt Wuhan wiedergibt, so vieles darin, lässt sich auch auf unsere Situation in Europa und wahrscheinlich auch weltweit übertragen. Mit der Pandemie haben alle zu tun. Es geht wirklich jeden einzelnen von uns an.

Ich habe sehr viele Stellen in diesem Buch markiert. Sehr oft dachte ich einfach „Ja genau!“ und „Warum?“ und „Wieso sieht das keiner ein? Das ist doch logisch“. Hier bringe ich nur einige wenige, es wäre einfach zu viel, alle zu bringen. Kauft lieber dieses Buch und lest es.

„Sie [Die Epidemie] erteile nicht nur China, sondern der ganzen Welt, der gesamten Menschheit eine Lektion. Und die lautet: Ihr Menschen, seid weniger arrogant, nehmt euch weniger wichtig, glaubt nicht, dass ihr unbesiegbar seid, unterschätzt nicht die Zerstörungsgewalt auch winziger Dinge wie die eines Virus.“ S. 13

„Dokumentieren ist das Einzige, was wir tun können.“ S. 31

„Dabei ist die Aufrechterhaltung der Menschlichkeit die grundlegende und wichtigste Selbstverständlichkeit. Weil wir nun mal alle Menschen sind.“ S. 97

„Wenn wir mit Dingen konfrontiert sind, die wir nicht verstehen, dürfen wir auf keinen Fall irgendwelches beliebiges Zeug in die Welt setzen.“ S. 107

„Was ich eigentlich sagen möchte, ist, dass sich der Zivilisationsgrad einer Nation nicht an der Höhe von Gebäuden, der Geschwindigkeit der Autos, der Effizienz der Waffen und der Schlagkraft der Armee misst. Er misst sich auch nicht daran, wie fortschrittlich die Wissenschaft und wie glanzvoll die Künste sind. Und schon gar nicht am Aufwand von Tagungen und an der Pracht der Feuerwerke und nicht einmal an der Zahl von Touristen, die in die Welt ausschwärmen und die Luxusgeschäfte leerkaufen. Der einzige Maßstab ist ihre Haltung gegenüber den Schwachen.“ S. 156

 

Mein Fazit: Lest dieses Buch! Es ist keine leichte Lektüre, aber es ist eine wichtige Lektüre! Ach ja und tragt Maske, haltet Abstand und wascht euch die Hände!

 

// Fang Fang, Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt. Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe 2020, 352 S., ISBN 9783455010398.

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