Michaela Karl, „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“ Maeve Brennan. Eine Biographie

Michaela Karl, „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“ Maeve Brennan. Eine Biographie

Über Maeve Brennan bin ich das erste Mal gestolpert, als ich Kate Bolicks „Spinster“ gelesen habe. Ein großartiges Buch, dass ich auch nur empfehlen kann. Damals notierte ich mir den Titel von Brennans Kolumnen „The Long-Winded Lady“. Ein Werk, in das ich immer mal einen Blick werfen wollte. Wie so vieles verschwand die Notiz in einem Notizbuch. Jetzt, Jahre später stieß ich in einem Verlagsprogramm von Hoffmann und Campe auf die neue Biographie. Sofort war ich neugierig. Es war die erste deutsche Biographie über diese wahnsinnig interessante Journalistin. Und natürlich viel mir wieder ein, dass ich mir den Namen schon vor Jahren mal notiert hatte.

Es wurde Zeit Maeve Brennan näher kennenzulernen. Für das Cover und den Titel der deutschen Biographie hatte der Verlag zudem noch ein Zitat aus dem Film „Frühstück bei Tiffany“ ausgesucht. Der Deckeltext kündigte Maeve Brennan als Fashion-Ikone an und als die „echte“ Holly Golightly. Wenn das mal nicht ein Aufschlag war. Neugierig stürzte ich mich in die Lektüre.

Der erste Blick ins Inhaltsverzeichnis scheint vielversprechend zu sein. Es gibt einen Prolog, 10 Kapitel und einen Epilog. Den Kapiteln sind kurze Zitate aus „Frühstück bei Tiffany“ vorangestellt und sind selbst überraschend erfrischend. „Ich war einst eine stolze Irin“, „Ich pfeif auf die Moral“ oder auch „Ich bin eine Schriftstellerin“ lassen vermuten, dass es sich bei dieser Biographie um eine sehr viel Persönlichere handelt, als so manch andere. Vielleicht bietet sie mal einen neuen Eindruck, eine neue Herangehensweise an das Biographentum. Vielleicht schafft es Michaela Karl hier ihre Hauptperson Maeve Brennan tatsächlich noch einmal lebendig werden zu lassen. Eine Schwäche von Biographien ist nämlich, wie ich finde, das verzweifeltes Festhalten an der Chronologie – was natürlich auch ein bisschen immanent bei dem Thema ist. Aber ich finde selten Biographien, die trotz ihrer Chronologie spannend zu lesen sind. Das Abspulen von Zahlen und Quellen steht meist im Vordergrund, das Storytelling dazwischen eher weniger. Denn es ist ja ein reales Leben, das man zu Schildern versucht. Ich verstehe, den Spagat, den sich Biographen ausgesetzt sehen, sehr gut.

Michaela Karl, Maeve Brennan. Eine Biographie

Die Biographie beginnt wie so viele andere Biographien auch: Sie beginnt mit der Geburt der Eltern von Maeve und einem historischen Exkurs zu der Zeit damals. Da muss man sich nun erst einmal durcharbeiten. Das ist nicht ganz mein Geschmack, aber es scheint üblich zu sein in der Welt der Biographien.

Es kommen sehr viele andere zu Wort in Karls Text. Quellen, Hintergrundinfos zu New York und der Zeit damals, Berichte über Maeve, Aussagen von Freunden. Aber ich habe das Gefühl, dass Maeve selbst und ihre eigenen Texte nur einen winzigen Teil dieser Biographie ausmachen. Wie oft habe ich mir gewünscht, jetzt endlich zu Maeve und ihrer eigenen Sicht der Dinge zu kommen. Der Start mit der Geschichte ihrer Eltern ist nur einer dieser Punkte. Ehe wir tatsächlich zu Maeve kommen, dauert es etwas.

Dies kann natürlich ein Problem der Quellenlage sein. Wenn jemand eine schillernde Persönlichkeit gewesen ist, aber niemand hält das in Wort und Schrift fest, kann man es auch nicht zitieren. Dann kann man es nicht fassen. Und manchmal sind Personen und vor allem auch ihre Persönlichkeit – dieses ganz Individuelle – nicht einfach wiederzugeben. Das ist ein Problem.

Den Eindruck, den die Biographie zuallererst machte, dass es sich um einen persönlichen Blick auf die echte Holly Golightly handelt, kann sie leider nicht erfüllen. Die historischen Fakten und auch alles drumherum sind sicherlich sehr gut recherchiert. Aber die Person Maeve Brennan ist mir noch genauso fremd und schwer greifbar, wie zu Anfang der Lektüre. Und das finde ich sehr schade.

Das Kapitel, das Kate Bolick in ihrem Buch „Spinster“ über Maeve Brennan verfasst hat, lässt diese kleine Frau mit einem Faible für Hunde, die New York geliebt hat, sehr viel farbenfroher und lebendiger werden, als die 350 Seiten Biographie von Michaela Karl.

Es ist vielmehr eine Biographie über New York in den 50er Jahren. Über die Szene des New Yorkers und seiner Mitarbeiter insgesamt, mit einem kleinen Schwerpunkt zu den Menschen, die Maeve Brennan gekannt hat. Und wenn man das weiß, dann ist dieses Buch sehr informativ und wartet mit interessanten Details auf.

Was seit der Lektüre aber definitiv wieder auf meiner Wunschliste steht, sind Maeve Brennans eigene Texte. Ihre Kolumnen über New York sollen wahrhaft einmalig sein. Und die Ausschnitte, die Karl in ihrem Buch gebracht hat, haben mich noch neugieriger gemacht. Bei dem nächsten Bücherhamsterkauf in meiner lokalen Buchhandlung, steht dieses Kolumnenbuch also ganz weit oben auf der Liste.

// Michaela Karl, „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“ Maeve Brennan. Eine Biographie, Hoffmann und Campe 2019, 350 S., ISBN 9783455504149.

 

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